Lindenthaler trauern um Ehrenmitglied Herbert Rieger

07.05.2011 11:18 von Richard Eder

Herbert Rieger
Herbert Rieger

In der Mitgliederversammlung der Lindenthaler saß man noch neben ihm. Einige wussten um seine Erkrankung und haben ein wenig gezögert, ihn anzusprechen, zu fragen, wie es ihm geht. Doch wer sich ein Herz fasste, erlebte auch jetzt den Herbert Rieger, der er immer war: offen und ehrlich, seine Worte bewegend, gepaart mit feinem Humor.

Jeder dachte, dass er, der so oft für die Sache gekämpft hat, kräftig dagegenhalten wird, dass er sich gegen die Krankheit stemmt, so wie er 1977 als Wildschütz Jennerwein, getroffen auf der Theaterbühne liegend, dem Jäger Federl entgegenrief: „No is' ned!". Doch nun hat das Herz dessen, der soviel Herzblut vergossen hat, aufgehört zu schlagen. So plötzlich. So unerwartet.

1950 in Hebertsfelden geboren wurden bereits im Alter von 11 Jahren die Lindenthaler eine Art zweite Heimat für ihn. Bald hat Rieger durch seine Persönlichkeit diesen Verein geprägt wie kein zweiter. Schnell wurde er mit Führungsaufgaben betraut. Von 1973 bis 1982 war er Vorplattler. Für die Jugend, die ihm immer ein Anliegen war, war er nicht nur Trainer. Er wurde zum Freund, Begleiter, Ratgeber.

Rieger führte im Verein einen neuen Tanz-Stil ein und ebnete damit den Weg für jahrzehntelange Erfolge beim Wertungsplatteln. Es folgte der Ruf des Bayerichen Inngauverbandes, dem er 23 Jahre als Gebiets- und 12 Jahre als Gauvorplattler diente. Das Podium betrat er, wenn er etwas zu sagen oder zu zeigen hatte, bloßes Zurschaustellen des Brauchtums war ihm zuwider. Deshalb waren Herbert Rieger und das Vereinsgeschehen nicht immer ein und dieselbe Welt.

Aber er war für die Lindenthaler, wie für alle Trachtenvereine des Landkreises, deren Kreisvorsitzender er 25 Jahre war, bis zuletzt so etwas, wie das Gewissen. Eine Instanz, die sich gemeldet hat, wenn etwas nicht in die richtige Richtung lief, die Stimmungen wahrnehmen konnte, wie ein Seismograph. Ein Stück Seele des Rottaler Trachtenwesens, das herausgerissen wurde und nicht ersetzbar ist.

Er hat es sich selber, und damit auch anderen, oft nicht leicht gemacht. Weil er nie den leichten Weg ging. Weil das Echte und Wahre nicht immer leicht zu finden ist. Und doch war er zeitlebens danach auf der Suche, nach dem Kern, der das Bairische ausmacht. Das war seine Mission, nicht immer wurde sie verstanden.

Die hohen Ideale, die er vorlebte, waren für viele unerreichbar. „Die Sache muss im Vordergrund stehen, nicht die Person", sagte er zu seiner Ernennung zum Ehrenmitglied der Lindenthaler im letzten Jahr. Und ein Satz aus seiner Zeit als Vorplattler wird in Erinnerung bleiben, als es um lukrative Auftrittsangebote ging: „Wenn wir wollen, braucht man uns net zoin. Wenn mir net woin, dann kann man uns net zoin."
Diese beiden Sätze brachten die Grundeinstellung Riegers zum Ausdruck und so war es nur eine logische Konsequenz, dass er von 2000 an sechs Jahre als 1. Vorsitzender der Lindenthaler zur Verfügung stand. Kein Amt, in dem er persönlich aufblühte, sondern das er antrat, weil es ja einer tun musste und weil ja die Sache im Vordergrund stand. Diese leidenschaftliche, konsequente Einstellung war sein Erfolgsgeheimnis. 2001 wurde ihm dafür der Rottaler Heimatpreis verliehen.

Logisch und konsequent war es deshalb auch, dass seine Liebe zur Heimat und bairischem Gewand auch in seinem beruflichen Leben Einzug fand. Der Bauleiter für Haus- und Klimatechnik erlernte in den 80er Jahren die alte Kunst der Federkielstickerei. 1987 machte er sich mit diesem Handwerk selbständig und betrieb in Linden einen kleinen Trachtenladen. Bald kamen Aufträge aus aller Herren Länder und unterschiedlichsten Kulturkreisen. Mit seiner Kunst, Leder mit gespaltenen Federkielen zu besticken, gewann er einen Wettbewerb der Fluggesellschaft British Airways. Auf 5 Maschinen wurde ein von ihm entworfenes Ornament reproduziert. 

Kraft für all sein berufliches und ehrenamtliches Engagement fand er in der Ruhe, in der Natur, bei der Fischerei. In den Wäldern Kanadas konnte er mit Zelt, Rucksack und Angelrute über Gott und die Welt nachdenken. 1986 gründete er den 1. Fischereiverein Hebertsfelden, 20 Jahre blieb er dessen 1. Vorsitzender. Dazu saß er 6 Jahre im Hebertsfeldener Gemeinderat. Rückhalt und Hilfe in allen Situationen gaben ihm seine Frau Rosmarie, seine Tochter Sabine mit Mann Werner und die beiden Enkeltöchter.

„Boarisch san ma, boarisch bleibn ma" - dieser Schlachtruf der Lindenthaler wurde in Riegers Vorplattler-Zeit eingeführt. Er ist gleichsam das Vermächtnis, dass Rieger hinterlässt. Sollte es wirklich einen „boarischen" Himmel geben, wie ihn Kurt Wilhelm im „Brandner Kaspar" beschrieben hat, so wünscht man sich, dass Herbert Rieger nun genau da sitzt, echte boarische Musi hört, mit dem Petrus über den wahren Kern des Menschen sinniert und wenn's ihn freut, bestickt er für die Engel Hosenträger und Ranzen. Aber nur wenn's ihn freut. Wenn nicht, wird ihn auch dort keiner mit Geld locken können.

Richard Eder

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